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Polyrattan oder Plastikholz?

Polyrattan – für mich das Unwort des Jahres aus dem Fachgebiet der Gartenmöbel-Hersteller und Anbieter. Wenn gleich die Anbieter mit diesem Begriff weit mehr um sich werfen als es die (qualifizierten) Hersteller tun.

Was verbirgt sich hinter diesem – zugegebenermaßen im normalen Sprachgebrauch schon eingebürgerten – Begriff? Sogar eine eigene Wikipedia-Seite wurde für diesen Begriff ver(sch)wendet. Nun – Wikipedia definiert richtigerweise “Polyrattan” als einen …”Oberbegriff für künstlich hergestelltes Polyethylen, welches eine künstlich hergestellte Alternative des natürlichen Rattans darstellen soll”…

Wenn sich also eine Kunde auf die Suche nach Polyrattan-Gartenmöbeln begibt, wird er schier erschlagen von einer Unmenge an Möbeln, die nur eines gemeinsam haben: künstlich hergestelltes Flechtwerk. Dabei gibt es eine derartig große Auswahl an künstlichen Flechtmaterialien, die vor allem eines gemeinsam haben: sie unterscheiden sich alle gewaltig in Herkunft und Qualität.

Rattanmöbel von Rausch
Die Kernkompetenz von Rausch Classics: wunderschöne Rattanmöbel

Gehen wir einmal zurück zu den Anfängen der Flechtmöbel. Rattanmöbel haben eine lange Tradition und Geschichte und wurden hauptsächlich in Indonesien oder auf den Philippinen in mühevoller Handarbeit hergestellt. Ich selbst habe mir in den 80er Jahren ein Traumsofa aus Rattan (Fred Astaire von Lambert) geleistet und es ist so ziemlich das einzige Möbelstück, dass mit mir seit 30 Jahren von Wohnung zu Wohnung und von Haus zu Haus wandert. Auch wenn es bei Temperaturschwankungen auf Grund der Spannungen im Material leise knistert, liebe ich es über alles. Besonders in den Kolonien wurden Rattanmöbel in großer Zahl verwendet und hielten neben dem Gebrauch in Wohnräumen auch auf Verandas und Terrassen Einzug. Dieser Einsatzbereich war den Rattanmöbeln dann auch lange bevor es Flechtmöbel aus Kunststofffasern gab, in unseren Gefilden beschieden. Leider erwiesen sich aber diese Möbel aus Naturrattan den hiesigen Witterungsbedingungen als nicht gewachsen; nach wenigen Jahren wurden die Naturfasern brüchig, die Möbel instabil und damit unbrauchbar.

Aus diesem Grunde haben sich zu dieser Zeit Hersteller wie Rausch oder Dedon entschlossen, Möbel für den Außenbereich mit einer Faser aus Kunststoff, die eine hohe Standfestigkeit gegen Witterungseinflüße aufweist, zu versehen. Ich muss sagen: ein langer, steiniger Weg den diese mutigen Hersteller gegangen sind, denn anfangs hielten die neuen Fasern bei weitem nicht, was versprochen wurde. Die größten Probleme waren die enthaltenen Farbstoffe und die Weichmacher. Dunkle Fasern bzw. bestimmte Farben blichen anfangs nach kurzer Zeit im UV-Licht aus, die enthaltenen Weichmacher verflüchtigten sich ebenfalls und zurück blieben brüchige Kunststoffreste, die bei Belastung rissen oder brachen. Auch waren (und sind leider noch bei Billigprodukten) viele der enthaltenen Weichmacher gesundheitsschädlich und können bei Mundkontakt (Kleinkinder) problematisch werden. Es war eine lange Entwicklung und viel Geld nötig, um Kunststofffasern herzustellen, die zum einen gut verarbeitbar waren, farbstabil blieben und zum anderen auch nach Jahren keine Anzeichen von Ermüdung zeigten. Da diese Fasern nur von einigen wenigen, hochspezialisierten Herstellern angeboten werden (z.B. Rehau) und zu den teuren Materialbestandteilen bei Flechtmöbeln zählen, sollten bei einem “Polyrattan”-Sessel aus China für deutlich unter 100,– Euro sofort alle Alarmglocken schrillen. Ich will nicht verallgemeinern, aber in der Regel ist für einen derartigen Preis kein qualitativ hochwertiges Produkt zu haben.

Das Problem: rein optisch sind heute gute Produkte von schlechten kaum zu unterscheiden. Aber schon die Haptik und ein kurzer Drucktest reichen aus, um ein minderwertiges Kunststoffgeflecht zu identifizieren. Ungeeignete Kunststofffasern fühlen sich weich und glatt an und lassen sich bei Druck auf die Sitzflächen meist tief eindellen. Von diesen Produkten (vielfach in Baumärkten gesichtet) sollte man die Finger lassen, es sei denn, man braucht nur vorübergehend Sitzgelegenheiten. Ein gutes Kunststoffgeflecht fühlt sich meist starrer an, die Oberflächen sind nicht allzu glatt und der Drucktest verläuft entgegen dem vorherigen Beispiel. Vielleicht sollten Industrie und Hersteller eine neue Nomenklatur anstreben. Mein Vorschlag wären – wenn schon die Bezeichnung Polyrattan nicht mehr auszurotten ist – zumindest zwei Güte-Klassen: Polyrattan und Polyrattan HQ.

Zum Abschluß noch ein paar weitere (nicht ernst gemeinte) Begriffsbildungen. Heutzutage gibt es viele Produkte aus Kunststoff, welche jeweils ihre natürlichen Pendants ersetzen sollen: Terracotta beispielsweise oder Holz, Baumwolle, Zähne und vieles mehr. Wie wäre es also mit: Polycotto, Polyholz, Polywolle und Polyzahn? Darüber sollte man zumindest mal nachdenken…